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Gastbeitrag in DIE WELT: Warum Berlin boomt

Einmal Berliner, immer Berliner: Wer sich für die Hauptstadt entscheidet, der hat in Deutschland nur wenige andere Städte zur Auswahl. Und wer aufs Land ziehen will, hat ganz Brandenburg zur Auswahl. Berlins Strahlkraft erreicht immer entferntere Orte.

Niemand hatte die Metropolregion Berlin-Brandenburg auf dem Schirm für eine industrielle Großansiedlung wie Tesla. Krieg und Teilung haben die Stadt industriell und wirtschaftlich ausgeblutet, Anfang der 2000er-Jahre war jeder fünfte Berliner arbeitslos. Die Stadt war froh über jeden Touristen. Doch arm, aber sexy ist Vergangenheit. Berlin boomt. Seit vier Jahren liegt Berlin zuverlässig in der Spitzengruppe der Bundesländer beim Wachstum – die letzten zwei Jahre sogar als Spitzenreiter.

Für 2019 wird ein Wachstum von zwei Prozent prognostiziert, während bundesweit die Wirtschaft stagnieren oder nur schwach wachsen wird. Auch der alte Makel, als einzige Hauptstadt Europas den Bundesschnitt beim Bruttoinlandsprodukt zu drücken, dürfte nach dem Jahr 2019 passé sein. Das viel beachtete HWWI-Berenberg-Städteranking hat Berlin gerade zur zukunftsfähigsten Stadt Deutschlands erklärt.

Was hat sich also in Berlin getan, warum boomt die Hauptstadt? In den letzten Jahren wurde einiges richtig gemacht. Berlin gelingt der Strukturwandel, mit dem andere Städte und Regionen sich so schwertun. Wie keine zweite Stadt setzt Berlin auf den Verbund von Forschung und Innovation. Vier Universitäten, über 40 Hochschulen und mehr als 70 außeruniversitäre Forschungsinstitute bilden jedes Jahr Zehntausende Absolventen aus. In Zeiten des Fachkräftemangels eine rare Ressource.

In der Digitalbranche arbeiten mittlerweile 70.000 Menschen in Berlin, und bis 2030 könnten bis zu 270.000 gut bezahlte Jobs in der Branche dazukommen. Berlin hat elf Zukunftsorte definiert, bei denen die Stadt ganz gezielt diese Forschungslandschaft mit Produktion und Kreativität zusammenbringt.

„Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin!“ – nie war die Liedzeile von Franz von Suppé aus dem 19. Jahrhundert aktueller als heute. Wer Visionen hat, kann sie hier verwirklichen. Berlin ist international und weltoffen. Es sind vor allem qualifizierte, häufig junge Menschen, die heute in Städten Freiräume für Kreativität, für ganz neue Entfaltungsmöglichkeiten suchen. Kurze Wege zwischen Wohnung und Arbeitsstätte, hohe Lebensqualität, gute Infrastruktur für den alltäglichen Bedarf und Kulturangebote geben wenig Anreize wegzuziehen.

Einmal Berliner, immer Berliner. Wer sich für die Hauptstadt entschieden hat, der hat in Deutschland nur wenige andere Städte zur Auswahl. Und wer aufs Land ziehen will, hat ganz Brandenburg zur Auswahl. Deshalb boomt es nicht mehr nur im Speckgürtel. Die Strahlkraft Berlins erreicht immer entferntere Orte.

Rückkehr der Industrie in die Städte.

Lebenswert und dennoch bezahlbar.
Kein Licht ohne Schatten. Der rasante Zuzug hat die Mieten von Wohn- und Gewerbeeinheiten ansteigen lassen. Höhere Lebenshaltungskosten gefährden einen Standortvorteil der Stadt. Berlin muss aufpassen, dass es im Überschwang nicht verliert, was es so einzigartig macht: eine lebenswerte, aber dennoch bezahlbare Stadt zu sein. Berlin hat damit schon Erfahrungen gemacht.

Auf die Gründerzeit des ersten Industriezeitalters folgte der Gründerkrach. Moderne Wirtschaftspolitik ist deswegen notwendigerweise auch Stadtentwicklungspolitik – und Sozialpolitik! Das Wachstum der Wirtschaft ist kein Selbstzweck, sondern muss eingebettet sein in eine soziale Mietenpolitik und deutliche Lohnsteigerungen.

Berlin hat einmalige Chancen und präsentiert sich für Unternehmer als eine der lebenswertesten Städte Europas. Wie keine andere Stadt setzt Berlin auf Zukunftstechnologie.

Wenn die digitale Revolution die Wirtschaft genauso transformieren wird wie die industrielle Revolution des letzten Jahrhunderts – dann ist Berlin ganz vorne mit dabei.

Die Autorin ist Bürgermeisterin und Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe Berlin

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