Innovationsoffensive anstatt Standortschließungen

Ramona Pop im BILD/BZ-Interview zur Ankündigung von Siemens in Berlin Stellen abzubauen.

Frau Pop, wie viele Siemens-Geräte haben Sie Zuhause?

Pop: Gute Frage, kann ich nicht sagen. Meine Waschmaschine und mein Geschirrspüler aber sind definitiv von Siemens.

Was verbinden Sie mit Siemens in Berlin?

Pop: Berliner Geschichte und spannende Fabriken. Ich war schon mehrmals in den Berliner Werken und fand die Turbinen-Produktion dort beeindruckend. Siemens ist für mich ein Start-up made in Berlin, das noch immer seinen größten Fertigungsstandort hier hat. Damit ist die Firma für die Stadt sehr wichtig.

Der Konzern will rund 870 Stellen in Berlin streichen. Sie hatten dazu ein Gespräch mit Siemens-Personalchefin Janina Kugel. Wie war’s?

Pop: Es war ein konstruktives Gespräch, unsere Botschaft ist angekommen: Dass es kein Glanzstück ist, in Zeiten von Rekordgewinnen so viele Arbeitsplätze abzubauen. Und wir haben deutlich gemacht, dass wir Innovationen erwarten, um mit neuen Produkten in der Energie-Welt von morgen anzukommen und somit Arbeitsplätze zu sichern.

Was ergibt sich daraus für die Mitarbeiter?

Pop: Da möchte ich nicht vorweg greifen. Zunächst sind das Verhandlungen zwischen der Betriebsseite und dem Konzern. Die Politik kommt erst dann wieder ins Spiel, wenn sich beide Seiten gemeinsame Linien entwickelt haben. Wir haben vereinbart, den Prozess im Frühjahr fortzuführen, wenn Konzepte vorliegen.

Was kann die Politik eigentlich tun, um die Siemens-Jobs zu retten?

Pop: Das, was wir gestern gemacht haben: Uns beim Konzern für die Mitarbeiter einsetzen, an die Verantwortung von Siemens appellieren. Und natürlich auch auf öffentliche Unterstützung hinweisen. Gleichzeitig können wir Investitionen in die Standorte fördern. Auch das ist eine Möglichkeit, Jobs zu sichern.

Heißt also, böse den Zeigefinger heben.

Pop: Ja, das ist so in einer Marktwirtschaft. Wir leben eben nicht im Sozialismus, wo der Staat die Wirtschaft beeinflusst – und das wollen wir ja auch nicht. Aber in unserer sozialen Marktwirtschaft tragen Unternehmen Verantwortung.

Neben Siemens hat nun General Electrics Stellenkürzungen in Berlin angekündigt, auch bei Osram zittern die Angestellten. Erlebt Berlin eine neue De-Industrialisierung?

Pop: Nein. Wir erleben einen Wandel, aber eine De-Industrialisierung ist es nicht. Im Gegenteil, die Industrie wächst in Berlin, wenn auch nicht so stark wie der Digital-Sektor.

Was tut der rot-rot-grüne Senat dafür, dass die gut bezahlten Industrie-Jobs hier bleiben und neue hinzukommen?

Pop: Wir sorgen für gute Rahmenbedingungen, punkten mit Fachkräften, stellen Flächen für Erweiterungen zur Verfügung, etwa der Cleantech-Park Marzahn. Ich habe den Masterplan Industrie wieder belebt, um die industrielle Basis unserer Stadt zu stärken.

Politik kann aber auch das Gegenteil bewirken. Laut Siemens bricht die Nachfrage für Gasturbinen besonders wegen der Energiewende ein.

Pop: Vor allem liegt es daran, dass es bei der Energiewende derzeit keine Planungssicherheit gibt. Zurzeit ist unklar, wann der Kohle-Ausstieg kommt, also fehlen Anreize, um schnell auf neue Technologien umzusteigen. Die Bundesregierung ist daher dringend gefordert, für Planungssicherheit zu sorgen.

Man könnte aber auch sagen: Alle, die mehr grüne Energie wollen, tragen auch Verantwortung für den Stellenabbau. Oder schließen Sie das aus?

Pop: Natürlich hat auch das Auswirkungen. Aber Unternehmen müssen sich auch auf eine sich verändernde Welt einstellen – und andere Produkte herstellen.

Wie geht es nun bei Siemens weiter?

Pop: Ich erwarte, dass nun zügig die Verhandlungen zwischen Konzernleitung und Betriebsrat beginnen.

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