Wie Berlin jetzt den Partytourismus eindämmen will

Beitrag aus der Berliner Morgenpost vom 23.11.2017

Wirtschaftssenatorin Ramona Pop will Berlin-Besucher auch in die Außenbezirke locken, um Innenstadt-Quartiere zu entlasten.

Tourist go home“ oder „You are not welcome“ sind Sprüche, die seit einiger Zeit immer wieder an Hauswänden von Kreuzberg oder Friedrichshain auftauchen. Den Berlin-Besuchern wird hier in der Weltsprache Englisch klargemacht, dass manche in der Stadt sie lieber nicht sehen wollen. Ehe die Lage so eskaliert wie zum Beispiel in Barcelona, wo die Abwehr eines ausufernden, übergriffigen Städtetourismus in einigen Innenstadtvierteln zu einer fast kollektiven Abwehrhaltung der Bevölkerung geführt hat, will Wirtschaftsenatorin Ramona Pop (Grüne) nun umsteuern, den Party-Tourismus eindämmen und die „Qualität“ des Tourismus erhöhen.

Damit vollzöge Berlin eine ziemliche Kehrtwende. Noch im vergangenen Jahr hatten die Tourismus-Werber von „Visit Berlin“ im Beisein des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD) den Slogan „365/24“ präsentiert. Berlin wirbt also immer noch damit, dass die Stadt jeden Tag und rund um die Uhr geöffnet habe. Kritiker verstanden diesen Claim schon immer als eine Einladung an feierfreudige Besucher, auch eine Dienstagnacht im Wohngebiet zum Tage zu machen – mit allen negativen Folgen für die Anwohner der Szene-Kieze.

Pops Behörde will nun im Januar mit dem Konzept für einen stadtverträglichen und nachhaltigen Berlin-Tourismus in den Senat gehen. Eines der wichtigsten Ziele ist es, den Besuchern auch die Reize der bisher eher wenig besuchten Außenbezirke schmackhaft zu machen. „Berlin hat mehr zu bieten als das Brandenburger Tor, den Reichstag und Party in Kreuzberg“, sagte die Wirtschaftssenatorin. Als wichtiges Element in ihrem Tourismuskonzept soll nun die Werbung der einzelnen Bezirke um Besucher intensiviert werden. Auch die Tourismusgesellschaft „Visit Berlin“ versucht bereits, vor allem solche Menschen in die Außenbezirke zu locken, die das zweite oder dritte Mal in der Stadt sind und Mitte bereits kennen.
Wirtschaftssenatorin Pop muss die Balance finden zwischen dem gerade unter den in der Innenstadt stark vertretenen Grünen-Wählern gewünschten Kampf gegen schädliche Auswüchse des Massenansturms und der wirtschaftlichen Bedeutung des Fremdenverkehrs für die Stadt. Immerhin 18 Prozent der Berliner fühlen sich durch Touristen gestört oder eingeschränkt, heißt es in einer Studie, die als Basis für die Senatsvorlage dienen soll. Die Untersuchung macht aber auch die Potenz deutlich: 235.000 Berliner leben demnach vom Tourismus, der einen Bruttoumsatz von 11,6 Milliarden Euro jährlich generiert und mehr als eine Milliarde Steuereinnahmen bringt.

Damit sorgt der Sektor für knapp zehn Prozent der Wirtschaftsleistung und einem noch höheren Anteil an Jobs. Denn zu den fast 31 Millionen offiziellen Übernachtungen in Hotels und Pensionen kommen noch einmal so viele Besucher, die privat bei Freunden und Familie unterkommen und fast fünf Millionen Nutzer privater Ferienwohnungen.

Als Symbol gegen das Partyimage der Stadt würde Pop gerne die Bierbikes verbieten. Diese Gefährte, bei denen eine Gruppe Zecher einen rollenden Tresen mit Muskelkraft über die Straßen bewegt, handele es sich nicht um Fahrzeuge, sondern um mobile Veranstaltungen, so ihr Argument. Andere Städte hätten Bierbikes bereits verbannt, der Bezirk Mitte habe das aber noch nicht getan. Jetzt überlegt Pop, wie die Senatsverwaltung tätig werden könnte. Zwar möchte die Senatorin diese öffentlichen Alkoholfahrten verbieten.

Gleichwohl sollen Feierei und Nachtleben aber nicht grundsätzlich negativ bewertet werden. „Berlin ist und bleibt Clubstadt“, so die Grünen-Politikerin. Aber die Stadt müsse dann auch dafür Infrastruktur bereitstellen. Deshalb würden jetzt mehr Parks in der Innenstadt von der Berliner Stadtreinigung (BSR) gereinigt. Außerdem sollen mit dem neuen Toilettenkonzept besonders dort Bedürfnisanstalten aufgestellt werden, wo nachts viele Menschen unterwegs seien. Bisher, so die Kritik, habe der Toilettenbetreiber Wall vor allem dort City-Klos aufgebaut, wo es lohnende Werbeflächen gab, über die der Betrieb finanziert wurde.

Um die Besucher wirklich in die noch wenig erschlossenen Außenbezirke der Stadt zu losten, muss aber noch einiges passieren. Denn eine zunehmende Zahl von Menschen kommt eben gerade in die Stadt, um „Atmosphäre und Flair“ Berlins zu genießen. Diese Motivation, die eher im Zentrum als am Stadtrand befriedigt wird, hat sich inzwischen nach Sehenswürdigkeiten, Kultur, Stadtbild und Geschichte zum wichtigsten Reisegrund entwickelt. So werde der Markt am Kollwitzplatz schon von fast so vielen „New Urban Tourists“ besucht wie von Anwohnern, die dort Gemüse kaufen.

Der Markt reagiert entsprechend. Allein in der Innenstadt zwischen Charlottenburg und dem Norden von Neukölln werden laut Studie bis 2020 mehr als 7000 zusätzliche Hotelzimmer entstehen. In Mitte übernachten bezogen auf die Wohnbevölkerung 15 Mal mehr Touristen als in Spandau, Köpenick oder Reinickendorf, in der City West achtmal so viele und in Friedrichshain-Kreuzberg siebenmal so viele.

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